Vereinsgeschichte

Es ist Spätherbst 1973 … .
… die Allende Regierung in Chile ist mit einem blutigen Umsturz beseitigt worden; vor kurzem hat der Yom-Kippur Krieg in Nahost stattgefunden und uns indirekt den so genannten ersten Ölpreisschock und später einige autofreie Sonntage beschert.
Im Haus der Begegnung in Herrenberg sitzen etwa zwanzig Leute zusammen, die über die Möglichkeiten, Formen und Ziele diskutieren, in Sachen Dritte Welt in Herrenberg etwas in Gang zu bringen.
Welche Leute sind das? Einige sind aus dem Arbeitskreis Gottesdienst und Musik, wo seit einiger Zeit Dritte- Welt-Themen einen Arbeitsschwerpunkt bilden. Andere im Kreis haben die Initiative ergriffen, weil sie bei der Suche nach einer sinnvollen Ergänzung ihrer alltäglichen Arbeit auf die Idee eines Dritte Welt Ladens gekommen sind. Der eine oder die andere ist aus freundschaftlicher Neugier dabei. Später stoßen schließlich noch ein paar Pfadfinder dazu, die sich gerade auf einen Arbeitsaufenthalt in Benin, Afrika vorbereiten.

Unsere ersten Gesprächsrunden zeigen, dass bei aller Verschiedenartigkeit der Interessen und Kenntnisse in unserer „Projektgruppe Dritte Welt“ das Bedürfnis und die Bereitschaft groß ist, etwas Handfestes in Sachen Dritte Welt zu tun. Wie aber sollen wir’s anpacken? Was ist überhaupt die Dritte Welt? Sollen wir einen Laden gründen oder birgt das nicht zu sehr die Gefahr des reinen Geschäftemachens? Kann sich ein Laden in Herrenberg halten? Wäre reine Informationsarbeit nicht doch besser?

Schließlich wurden kleine Arbeitsgruppen gebildet und ein Grundsatzpapier erstellt, das dann Ende Januar 1974 nach vielen heißen Diskussionen verabschiedet wurde und aufschlussreichen Einblick in die Vorstellungen jener Geburtsstunden des Vereins Partnerschaft Dritte Welt und des Dritte Welt Laden in Herrenberg gibt.

Die Satzung wurde erstellt und die Gründungsversammlung fand 1974 statt; ein Gründungsmitglied war Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident. Er studierte seinerzeit in Tübingen und wohnte mit seiner Familie in Herrenberg. Unser Laden war einer der ersten Weltläden in Deutschland; der Verein ist Gründungsmitglied des Weltladen-Dachverbandes.

Unweit vom Marktplatz, in der Stuttgarter Strasse 6 wurde ein Laden in einem Wohnhaus eröffnet. Die Vermieterin unterstützte die Arbeit des Weltladens stets. Eine Nachbarin stellte ihr Schaufenster für die Informationsarbeit kostenlos zur Verfügung: „Ohne Übertreibung darf man behaupten: gäbe es nicht immer wieder solche Menschen, die uns mit Verständnis und Entgegenkommen den Weg ebnen würden, unserer Arbeit wäre bald der Boden entzogen.“

… aus „zehn Jahre Dilemma“ ein Heft zum Vereinsjubiläum in 1984

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Im Jahr 2002 wurde nur wenige Häuser weiter ein Laden mit großen Schaufenstern und hellen Räumen gefunden, der in unermüdlicher Eigenleistung renoviert und umgebaut wurde. Die Eröffnung des Ladens in der Stuttgarter Str. 12 erfolgte am 8. März 2002.

Mit dem Umzug in den neuen Laden begann auch eine neue Epoche. Durch die großen Schaufenster präsentierte sich der Laden einladend, und der Umsatz erhöhte sich sprunghaft von knapp 50.000 Euro in 2001 auf knapp 67.000 Euro in 2002. Auch neue Mitarbeiter*innen konnten gewonnen werden, sodass auch die Ladenöffnung fast die normalen Öffnungszeiten im Einzelhandel erreichte. In dem hellen Laden ließen sich die hochwertigen und köstlichen Waren unseres Fairen Handels anschaulich ausstellen.

Dem Team aber war und ist auch die politische Arbeit wichtig. Straßenaktionen vor dem Weltladen oder an anderen Orten der Stadt fanden zu den folgenden Themen statt:

  • Klimawandel – für unsere Partner oft Klimakatastrophe,
  • Öko und Fair ernährt mehr,
  • Mensch-Macht-Handel – die Macht der Konsument*innen,
  • Wirtschaft und Menschenrechte,
  • Perspektiven schaffen – Fairer Handel und seine Wirkungen,
  • Forderungen zur Reform der EU-Agrarpolitik,
  • Ungleichheit Arm-Reich,
  • Migration. Viele Menschen sehen in ihrer Heimat keine Perspektive für sich und ihre Kinder und versuchen in anderen Regionen ihres Heimatlandes oder in anderen Ländern der Welt ein besseres Auskommen zu finden,
  • Ökologischer Fussabdruck der Menschen in verschiedenen Weltregionen,
  • sowie viele andere andere Themen.

Dabei wurden anschauliche Medien eingesetzt, oft begleitet von Musikgruppen, Verköstigungen, Plakaten und Kurzvorträgen.

Häufig hatten wir Besuch aus Projekten der Einen Welt: Produzenten-Partner einer Bananenkooperative aus Ecuador, eine Kooperative von den Philppinen für Vollrohrzuckerbauern und Frauenarbeit, Kartoffelbäuerinnen und Bauern aus Peru und viele andere waren zu Gast und berichteten über ihre Arbeit und die hilfreiche Zusammenarbeit im Fairen Handel.

Viele Vorträge, häufig in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek haben die Arbeit bereichert. Auch gemeinsame Veranstaltungen mit anderen lokalen Kooperationspartnern wie den Grünen, der kirchlichen Jugendarbeit u. a. waren wichtig. Besonders eindrücklich war der hochbrisante Vortrag zu Kinderarbeit in den Steinbrüchen in Indien für Grabsteine, bei dem Lobbyvertreter der Steinmetze zugegen waren. Aber auch fröhliche Abende mit Gesang und Gedichten waren wichtig.

Die Öffentlichkeitsarbeit mit wöchentlichen Artikeln im Amtsblatt und Berichten im Gäubote sowie die Bildungsarbeit in Schulen und im Lernort Weltladen sind zentrale Säulen. Allerdings konnten wir trotz vieler Bemühungen die Jugendlichen nicht erreichen.
Im Themenfenster gegenüber dem Weltladen haben wir für uns wichtige Themen aktuell und anschaulich für die Passant*innen illustriert.

Zum Erfahrungsaustausch vor Ort und für gemeinsame Veranstaltungen wurde der Arbeitskreis „Fokus Afrika“ mit Vertreter*innen der örtlichen Kirchen, Vereine und Schulen gegründet, die sich in Projekten in Afrika engagieren: Die langjährigen Partnerschaften sind in Mali, Kenia, Tansania, Uganda sowie Menschenrechts- und Brunnenprojekte im Tschad und Südsudan.

Das Forum der neun Weltläden im Kreis Böblingen ist ein hilfreiches regionales Netzwerk zum Erfahrungstausch, zur Buchung von Referenten oder für gemeinsame Veranstaltungen wie z. B. Podiumsdiskussionen vor Wahlen. Der Dachverband „DEAB“ für Baden-Württemberg und Deutschland mit dem „Forum Fairer Handel“ sowie der Organisation „Weltfairtrade“ sind wichtige Impulsgeber für Aktionen wie Weltladentage und Faire Wochen sowie für Fortbildungen und für den Erfahrungsaustausch.

Heftige Diskussionen mit „FairTrade“ um den „richtigen Weg“ wurden geführt. Eine grobe Verwässerung von Masse statt Klasse wurde befürchtet. Allerdings hat sich der Umsatz in Deutschland von 415 Mio in 2010 Euro auf 1,85 Milliarden in 2019 vervielfacht und viele Produkte des Fairen Handels sind nun in den Regalen der Supermärkte und gar der Discounter zu finden. Oft allerdings mit dem Anschein des „fairwashing“ des Marktes behaftet. Zum Vergleich: Die Weltläden und Weltgruppen erzielten im Jahr 2019 einen Umsatz von 83 Millionen Umsatz (Quelle: Forum Fairer Handel).

Sehr beliebt waren und sind die jährlichen Mangoaktionen des ev. Kirchenbezirks Böblingen zusammen mit unserem Weltladen. Damit erhalten die Bauern in Burkina-Faso einen guten Preis für ihre Mangos. Viele Schulen werden damit gefördert und Mittagessen für die über 3.000 Schülerinnen und Schüler werden so finanziert – und wir hier erhalten die köstlichen Früchte.

Seit 2012 beteiligen wir uns mit einem Stand beim Brot- und Rosenmarkt. Der Brot und Rosenmarkt ist in die jährliche Veranstaltungsreihe „Brot und Rosen“ des Herrenberger Gleichstellungsbüros und Frauennetzwerkes eingebettet.

Das Internet mit umfassender Darstellung unserer Anliegen und einfacher Kommunikation durch E-Mail, die Modernisierung des Ladens mit einer elektronischen Kasse sowie eine PC-Ausstattung mit Beamer für Veranstaltungen wurden eingeführt.

2013 wurde unserem Verein die Paul-Binder-Medaille für besonders herausragende Verdienste im sozialen Bereich verliehen. Paul Binder war vom Beginn an Mitglied und Förderer unseres Vereins und war in Herrenberg und Kreistag ein unermüdlicher Kämpfer für soziale Anliegen. Er verstarb im Jahr 2008 im Alter von nur 73 Jahren.
Im Kreistag war es ihm stets wichtig, dass der Kreis Böblingen Projekte im Globalen Süden unterstützt. Dieses Anliegen führen wir alljährlich mit Anträgen für unterschiedliche Projekte fort.

Ein wichtiges Jahr für unseren Verein war 2014, das Jahr des 40-jährigen Jubiläums mit dem Theater der Berliner Companie in der ausverkauften Alten Turnhalle und die Feierlichkeit mit den Mitgliedern und auch Gründungsmitglied Horst Köhler.

2015 wurde Herrenberg „Fairtrade Stadt“ mit einer tollen Veranstaltung in der Stadthalle mit vielen Gruppen. Daraus entwickelte sich die Fairtrade-Familiy mit 60 Geschäften, Gastronomen, Schulen, Kindertageseinrichtungen, Parteien und Vereinen.
Damit verbunden war auch die Erwartung, beispielhaft die öffentliche kommunale Beschaffung mehr auf Fairtrade-Produkte umzustellen. Wegen der unzulänglichen Förderung der Stadtverwaltung sind leider viele dieser Initiativen versandet.
Immerhin ist daraus der Kreis der „Bananologen“ für Bildungsaufgaben im Fairen Handel entstanden, der nun auch die Bildungsarbeit für unseren Verein verantwortet.

Oft war auch die KinderKulturKarawane bei uns zu Gast. Damit haben wir zu einer Veranstaltung für die ganze Familie eingeladen. Mit der KinderKulturKarawane kommen jedes Jahr Gruppen junger Künstler*innen aus Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas nach Deutschland.

Mit unseren Mitgliedsbeiträgen und Spenden von ca. 10.000 Euro im Jahr fördern wir jedes Jahr ca. 15 Organisationen, Projekte und entwicklungspolitische Publikationen. Besonders wichtig ist uns das landwirtschaftliche Projekt von Komo in Nigeria. Dort werden insbesondere für Jugendliche Perspektiven geschaffen und so die Landflucht in die Städte verhindert.

Seit Jahren setzten auch wir uns für ein Lieferkettengesetz mit Straßenaktionen, Unterschriftenaktionen, Vorträgen und mit unserem Abgeordneten des Bundestags ein.
Beispiel Kinderarbeit: Ein Lieferkettengesetz in Deutschland würde den Druck auf deutsche Schokoladenhersteller oder Unternehmen mit Niederlassung in Deutschland erhöhen, gegen ausbeuterische Kinderarbeit vorzugehen. Unternehmen wären dazu verpflichtet, die Kinderarbeitsrisiken in ihren Lieferketten zu analysieren, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und über deren Wirksamkeit zu berichten. Sie müssten nachweisen, dass sie alles tun, um Kinderarbeit zu verhindern. Andernfalls würden sie Gefahr laufen, für eingetretene Schäden haftbar gemacht zu werden und Entschädigung leisten zu müssen. Es kann nicht akzeptiert werden, dass Wettbewerb zu Lasten von Menschen und der Umwelt gehen.

Ein tolles Team von ca. 30 Mitarbeiter*innen hat in solidarischer, freundschaftlicher ehrenamtlicher Zusammenarbeit gerne diese Aufgaben wahrgenommen.
Viele freundliche uns zugewandte Stammkunden haben uns dabei gestärkt.

Es hat sich etwas bewegt im Fairen Handel, heute gibt es in vielen Supermärkten Lebensmittel aus dem Fairen Handel. Einen Wandel im Bewusstsein können wir erkennen, trotzdem ist noch ein weiter Weg zu gehen zu einem fairen Wirtschaften, der Wertschätzung für Mensch und Umwelt.

Leider ist die Stuttgarter Straße und damit unser Weltladen im Laufe von Jahren für die Bürger*innen und Geschäfte immer mehr ins Abseits geraden und der Umsatz stagnierte.
Auch gemeinsame Aktionen der Läden konnten die Entwicklung nicht aufhalten. Wir haben uns deshalb entschlossen, einen günstigeren Standort für den Laden zu finden und sind direkt am Marktplatz mit einem attraktiven und größeren Laden fündig geworden.
Wir freuen uns darauf, ab Juli 2021 dort unsere schönen und fair gehandelten Waren unseren Kundinnen und Kunden anbieten zu können.