Die besondere Stadtführung
Auf den Spuren von Kolonialwaren und dem Engagement für Gerechtigkeit
20 Teilnehmende gingen am Samstag, den 28. Februar 2026 auf Spurensuche in der wunderschönen Herrenberger Altstadt. Dabei ging es einerseits um Einsichten in globale Zusammenhänge in vergangenen Jahrhunderten und andererseits um das aktuelle Engagement für faire Handelsbeziehungen in der Fairtrade Stadt Herrenberg.
Vom Affstätter Tor führte der Weg zum Pendelschlag, Klosterhof, Diakonieladen, Fruchtkasten, dem interkulturellen Gemeinschaftsgarten, Oberamt, Khönle Handelshaus, dem Gasthof zum deutschen Kaiser, Nufringer Tor, ehemalige Kaffeerösterrei Carl Bellon, dem „Lädle“ in der Stuttgarter Str. 6 und endete im Weltladen.
Das Kunstwerk Pendelschlag mit dem an Jerg Ratgeb erinnert wird, wurde zur Jahrtausendwende von Peter Lenk und Helmut Erath geschaffen. Jerg Ratgeb war Maler im Mittelalter. Sein Hauptwerk ist der Herrenberger Altar, den er 2021 fertigstellte. Bekannt wurde er auch durch sein Eintreten für die Bauern im Bauernkrieg 1525. Der Bauernschaft ging es um Gerechtigkeit und Befreiung von Leibeigenschaft, Steuerlast und Fronarbeit. Bei den Stationen Fruchtkasten und Oberamt konnten die Teilnehmenden dann mehr über Jerg Ratgeb und den Bauernkrieg erfahren.
Im Klosterhof erfuhren die Teilnehmenden, dass Herrenberg seit 2015 Fairtrade Stadt ist. Fairtrade Stadt zu sein bedeutet, dass Gemeinderat, Stadtverwaltung, Gewerbe und Bürgerschaft sich aktiv für faire Handelsbeziehungen einsetzen. Zur Feier der Rezertifizierung von Herrenberg als Fairtrade-Stadt gab es im September 2025 ein fulminantes faires Frühstück im Klosterhof zu dem zahlreiche Läden und lokale Produzent*innen beitrugen. Es gab ein umfangreiches Bildungsangebot durch Schülerinnen und Schüler der Hilde-Domin-Schule. So wurde in vielfältiger Weise deutlich, dass jeder Einzelne durch sein Einkaufsverhalten einen wichtigen Beitrag zu einer fairen Welt leisten kann.
Der Diakonieladen ist eine Station unserer App-basierten Stadtrallye zum Thema Fairer Handel und Klimagerechtigkeit, die Faire Welt für Schulklassen und Jugendgruppen anbietet. 2024 wurde sie mit 120 Schülerinnen und Schüler des Andreae Gymnasiums getestet. In Gruppen begeben sich die Teilnehmenden auf den Weg. Ein Richtungspfeil auf einem Tablet hilft, die Stationen zu finden. An allen Stationen werden Aufgaben gestellt. Der Diakonieladen bietet gebrauchte Waren zu erschwinglichen Preisen an. So trägt er dazu bei, dass Ressourcen geschont werden, da verwendbare Kleidung und andere Sachen im Warenkreislauf verbleiben. Wie die Schüler*innen waren auch die Teilnehmenden der Stadtführung über manche Zahlen überrascht: 60 Kleidungsstücke werden pro Person und Jahr in Deutschland neu gekauft und 55.000 km legt eine Jeans zurück vom Anbau der Baumwolle bis zum Moment, wo sie im Laden hängt.
Im Interkulturellen Gemeinschaftsgarten erfuhren die Teilnehmenden wie sehr Kinderarbeit im Kakaoanbau verbreitet ist und wie der Klimawandel den Anbau gerade der Kleinbauern bedroht. Es braucht faire Preise und langfristige Partnerschaften, damit Kakaobäuer*innen auf nachhaltigere Anbaumethoden umsteigen können und keine Kinder mehr im Kakaoanbau arbeiten müssen.
Der Verkauf im Weltladen reicht dafür nicht aus. Es braucht mehr Unterstützung dafür aus dem Einzelhandel und der Bürgerschaft. Herrenberg braucht eine faire Stadtschokolade. Deshalb hatten Schülerinnen der Hilde-Domin-Schule Oberbürgermeister Nico Reith zum letztjährigen Weltladentag mit einer Wette herausgefordert. Es ging darum mehr als 40 Kilogramm Schokolade zu verkaufen – die Hälfte des Körpergewichts des Oberbürgermeisters! Insgesamt wurden 64,6 kg Schokolade verkauft und damit war die Wette gewonnen! OB Nico Reith brachte mit dem Steuerungskreis der Fairtrade Stadt die Schokolade auf den Weg. Nun ist es soweit am 18. April 2026 ist Verkaufsstart für die Faire Stadtschokolade. Am Verkaufsstart werden sich Schülerinnen und Schüler zusammen mit OB Nico Reith beteiligen.
Der „Corpus“ von Christoph Traub vor dem Oberamt zeigt die Rumpfpartie von einer verletzten getöteten Person ist zu erkennen. Man kann an den Rumpf Ratgebs nach der Vierteilung denken. In der aufgerichteten Form ist es ein Mahnmal für Menschenrechte. Im deutschen Bauernkrieg ging es um Menschenwürde, Freiheit, politische Rechte und faire Behandlung. Die Gesellschaft des Mittelalters beruhte auf einer Grundordnung versorgter Obrigkeit und versorgenden Untertanen. Missernten, Kriege, Epidemien machten das Leistungserbringen für die Untertanen immer schwieriger. Durch Zehnt, Zölle, Zinsen, Fron- und Spanndienste verarmten die Bauern. Mit dem Fairen Handel stellt die Weltladenbewegung die bestehenden Machtverhältnisse im Welthandel in Frage und engagiert sich für solidarische und faire Beziehungen im Welthandel. Faire Welt unterstützt außerdem im Tschad eine Partnerorganisation, die sich für die Landrechte und gegen Landraub durch lokale Eliten und internationale Konzerne einsetzt z.B. für die Erdölproduktion.
Vor dem Haus der Kaufmannsfamilie Khönle begrüßt uns Magdalene Ritter als Magd Maria: „Grüß Gott ihr liebe Leut, kommt näher! Hier in der Eisenkrämerei Khönle gibt’s so manches was man gut brauchen kann und wir haben auch ganz besondere Waren. I bin die Magd Maria, I helf auch im Laden mit. Was hab i hier im Korb? Aus London kommen so feine Tuche, fühlen Sie mal, türkische Schnüre, fein oder ganz stabil, Tabak aus Guayana – wo des wohl liegt woiß i net, Kennen sie des? Kaffee aus Java – schnuppern! Zinnsachen aus Indien, das ist da wo der Pfeffer wächst, wissen Sie, von dort kommen auch die Gewürze, Nelken… schnuppern!“
Man konnte man Ende des 17. Jahrhunderts hier in Herrenberg Waren aus der ganzen Welt erwerben. Globalisierung ist keine Erfindung des 20 Jahrhunderts. Handel ist schon seit Jahrhunderten global. Ein wesentliches Motiv für die Eroberungsfahrten der Seemächte im 15 und frühen 16. JH war die Suche nach Gold und Gewürzen. Mit den Eroberungen, der Kolonisierung und der Versklavung konnten Kolonialwaren günstig nach Europa gelangen, wovon hier viele profitierten.
Ehemaliges Gasthaus „Zum Deutschen Kaiser“ Der Name des Gasthauses war Anlass um über die deutsche Kolonialzeit zu sprechen.
Das deutsche Kaiserreich war von 1884 bis 1918 eine Kolonialmacht und besetzte Gebiete von 12 Ländern darunter Burundi, Tansania, Namibia, Kamerun und Togo. Die Kolonialgeschichte ist geprägt von Lug und Trug, Raub, Mord bis zum Völkermord an den Herero durch deutsche Truppen in Namibia. In der Kolonialzeit wurden Rohstoffe und Produkte aus den Kolonien in den Mutterländern verkauft. Die Kolonialwarengeschäfte trugen dazu bei, das System der Ausbeutung und Unterdrückung zu verstetigen. Kolonialwarenhändler importierten diese Produkte, die in Kolonialwarenläden verkauft wurden. Mit der Etablierung der ersten deutschen Kolonien ging ein Kolonialwaren-Boom einher.
Weltladen Stuttgarter Str. 6: Am 5. Oktober 1974 wurde hier der Weltladen, damals „Dritte Welt Laden“ eröffnet. Er war einer der ersten in Deutschland. Er wurde schnell als „Lädle“ bekannt. 40 Personen waren an der Gründung beteiligt unter ihnen der spätere Bundespräsident Horst Köhler und seine Frau Eva Köhler.
Horst Köhler hat ab 2012 mitgearbeitet an der Agenda 2030 mit den17 Zielen für eine weltweit nachhaltige Entwicklung. Das Leitbild 2035 von Herrenberg bezieht sich explizit auf diese Ziele. „Mit der Agenda 2030 wird deutlich, dass nicht nur die Anderen, die Armen, die angeblich Unterentwickelten sich entwickeln müssen, sondern alle, vor allem auch die Industrieländer eine neue Entwicklung vorantreiben müssen, zum Schutz des Planeten und zum Wohl aller Menschen auf der Welt.“
Seit 2021 ist der Weltladen am Marktplatz. Er ist einer von über 900 in Deutschland. Im November wurde der Laden umgestaltet. Im hinteren Teil gibt es nun eine faire Boutique mit fairen Kleidern.
Kokos Panna Cotta, Mango Lassi und orientalischer Linsensalat: Zum Abschluss gab es Leckereien im Weltladen zubereitet von Andrea Stöffler mit fairen Zutaten aus dem Weltladen. Dies nahmen die Teilnehmenden gerne an, stöberten im Laden und bekamen einen Einblick in die Vielfalt der Waren, die dieser Laden anbietet.
Magdalene Ritter, Claudia Duppel, Andrea Stöffler und Martin Petry haben viel Applaus für diese Stadtführung erhalten bei der Geschichtliches und Aktuelles in Beziehung gesetzt wurde.
Fotos: Jürgen Metz
