Wem helfen wir mit den Spenden und Mitgliedsbeiträgen 2018?

 

ZU DEN GELDERN ASGNA LESEN SIE DEN RUNDBRIEF VON MARTIN PETRY

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RUNDBRIEF MARTIN PETRY

                                                                                                                                             Im April 2019

Liebe Freunde und Bekannte,

 

Ich möchte mich ganz herzlich bedanken für die vielen Spenden, die wir in 2018 erhalten haben, für Hummingbird Action for Peace and Development (HAPD; Kolibri Aktion für Frieden und Entwicklung) und für den Verein Ngaoubourandi (Regenbogen). Für HAPD konnten wir in 2018 nochmal in zwei Tranchen 28.000 € für die Arbeit in den Flüchtlingslagern in Uganda überweisen. Darüber informiert dieser Rundbrief weiter unten ausführlicher. Für Ngaoubourandi im Tschad konnten wir dank eine Großspende 33.000 € überweisen für die Ausstattung von zwei Bohrbrunnen mit Solarpumpen, ein Pilotprojekt, das wir mit Solar23 in Ulm in Angriff genommen haben. Im Januar 2019 konnten wir nochmal 5.700 € überweisen, da eine Reihe von euch zum Jahresende Spenden überwiesen haben. Das kam genau richtig um Kosten für das Solarprojekt zu decken, die wir nicht einkalkuliert hatten. Die Brunnen sind gebohrt und die Pumpen sind nun auch im Tschad angekommen. Installiert werden sie aber erst im Juni. Es war eine lange Geschichte mit vielen Hindernissen. Dazu mehr, wenn ich von meiner Reise in den Tschad zurück bin Ende Mai.

 

Seit meinem letzten Rundbrief, den ich vor über einem Jahr geschickt habe war ich einige Male auf Reisen im Südsudan, in Uganda und im Tschad. Die Tschadreise im November musste ich nach 5 Tagen abbrechen wegen eines Bandscheibenvorfalls. Nach Operation im Dezember, Reha und Nachsorge geht es mir nun, 4 Monate später, wieder gut.

 

Ich bin diese Tage von einer Reise nach Uganda zurückgekommen. Aus meinen Notizen, Erinnerungen und Gedanken während meiner Reisen ist dieser lange Rundbrief entstanden.

 

Leer im Südsudan, gehört zu den Orten, die mit am meisten unter dem Krieg leiden. Es ist der Geburtsort von Riek Machar, dem Chef der Armeefraktion, die sich 2013 abgespalten hat und sich SPLA-In Opposition (SPLA-IO) nennt. Leer wurde unzählige Male zerstört, Zivilisten wurden dort vergewaltigt, misshandelt, abgeschlachtet. Ein Ort des Horrors. Der Journalist Peter Martell schreibt von einem Besuch: „Als ich (in Leer) an einem Gelände der katholischen Kirche vorbeigehe sah ich einen Menschenschädel auf dem Boden liegen, ganz grau. Es gab keine anderen Knochen und es war unmöglich zu wissen wie alt er war. Es gab niemand den man fragen hätte können wer hier starb. Einen Augenblick lang überlegte ich ob ich ihn begrabe, aber dann würde er verschwinden, und ich wusste nicht ob das das Richtige ist. Ich stand einige Zeit neben ihm, dann ließ ich ihn im Staub liegen.“[1] Die meisten von euch werden mit diesem Satz nichts anfangen können oder hätten ihn überlesen. Ich bin darüber gestolpert und mir kommt er immer wieder in den Sinn. Warum? Wohl weil es mir ständig so geht wie es Martell beschreibt. Ich sehe und höre Dinge, die man nicht erleben möchte, bin mit Situationen konfrontiert, die mich ganz still werden lassen – - und überlege was das Richtige zu tun ist. In jeder Situation gibt es einen Impuls, etwas das man spontan tun möchte, dann aber frage ich mich ob es das Richtige ist. Jeder Schritt dort, jede Entscheidung, jedes Handeln hat Konsequenzen - Konsequenzen, die ich nicht übersehen kann.

 

April 2018: Meist fliege ich von Frankfurt über Nacht nach Addis Ababa und vor dort weiter nach Juba (Hauptstadt des Südsudan). Gegen Mittag bin ich dann dort. Es ist schwül, bei 40 Grad geht es zu Fuß vom Flugzeug über den flimmernden Asphalt des Flugzeugparks. Letztes Jahr im April wurde ich vom Sicherheitspersonal mal in einen Eingang geschickt aus dem Passagiere kamen, die zu ihrem Flugzeug gingen. Am Sicherheitscheck für die Ausreisenden entstand ein totales Durcheinander. Beim Stempeln des Passes musste ich aufpassen, dass ich den richtigen Stempel für die Einreise bekomme. Die beiden zuständigen Polizisten saßen nebeneinander an einem Tischchen, einer mit dem Einreisestempel, der andere mit dem Ausreisestempel. In den drei Jahren, in denen der Flughafen renoviert wurde, und die meisten Schalter und Wartehallen in kleineren und größeren Partyzelten untergebracht waren, war keine Ankunft gleich. Diesmal fand ich mich nach Einreise in einem Gebäude wieder, das ich nicht kannte. Einer der Jungs, die hier überall auf Reisende warten, die von der Situation überfordert sind, schleust mich für einen kleinen Obolus durch Gänge und Büros, bis zum Zelt wo das Fluggepäck abgeholt werden kann. Er hilft mir in dem Gedränge meinen Koffer zu finden und das o.k. vom Zoll zu bekommen. Vor dem Flughafen wartet der Fahrer von PAX. Er unterstützt mich bei der Registrierung, die ich zusätzlich zum Visum brauche. Er hilft mir beim Gang durch die 5 Büros bis die nötigen Stempel drin sind. Danach hole ich mein bestelltes Ticket für den UNHAS Flug (Flugdienst der Vereinten Nationen) im Container Hotel, in dem ich den Kriegsausbruch im Dezember 2013 erlebt habe – und die Erinnerungen sind zurück.

 

Dezember 2013: Der Krieg brach aus Sonntagnacht, 15.12.2013. Ich hatte ein Container Zimmer im 2. Stock – Metallrahmen; Wände aus Plastik. In der Nacht war mir erst nicht klar was da passiert. Der Generator, der die Containeranlage mit gut 150 Containerzimmern mit Strom versorgte war so laut, dass ich im Schlaf das Wummern der Artillerie erst nicht als das wahrgenommen habe was es ist. Erst das Rattern von Maschinengewehren in der Nähe machten mir deutlich, dass etwas anders ist als sonst. Eine SMS mit dem Text „Hibernation“ (Winterschlaf) vom Büroleiter von Cordaid erreicht mich. Also Abwarten, sich in oder neben der Nasszelle aufhalten, der einzige von einer Mauer umgebene Ort im Plastikcontainer. Gegen 5.00 Uhr höre ich andere Gäste im Hof und gehe runter. Es ist Krieg, aber wer genau, warum, wo in der Stadt ist unklar.

 

Ich bin im ersten Stock, wenn ich aus der Tür trete sehe ich auf die Straße. Dort sehe ich immer wieder bewaffnete vorbeigehen. Sie gehen mit Waffen im Anschlag in die Lagerhäuser, Baustellen, Höfe und Hütten der Garküchen in der Nachbarschaft. Nach wenigen Minuten kommen sie wieder heraus und gehen ins Nächste. Erst später erfahre ich was da passiert. Menschen wurden aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ermordet. Viele Hunderte Männer, Frauen und Kinder wurden in drei Tagen getötet. Systematisch wurden Stadtviertel durchstreift. In Juba ermordeten Dinka vorwiegend Angehörige der Nuer. Tage später wurden in Bor (150 km nördlich) Dinka von Nuer vergewaltigt und misshandelt und erschlagen. Die „Weiße Armee“, eine Miliz der Nuer überfiel Bor und nahm schreckliche Rache für das was die Armeeeinheiten ihren Verwandten in Juba angetan hatten.

 

Der Aufgang zum Container im ersten Stock ist außen. Der erste Stock liegt höher als die Mauer mit Stacheldraht, die das Hotel umgibt. Als ich am Tag 2 des Krieges aus der Türe trete, dreht sich ein Bewaffneter auf der Straße um und schaut mich an. Wir schauen uns lange Momente an, dann entspannt er sich und geht mit seiner Gruppe weiter. Ich bitte um Verlegung ins Erdgeschoss und ziehe kurz darauf um. Einige Male gab es kurze Gewehrfeuer direkt vor unserem Hotel, Momente großer Verunsicherung. Als das Morden geschah waren wir und viele andere Ausländer damit beschäftigt uns in Sicherheit zu bringen. 4 Tage später, als die Kämpfe in der Hauptstadt abflauen wurde ich mit vielen anderen mit einer britischen Militärmaschine evakuiert. Der Krieg eskaliert und zieht nach Malakal und Bentiu. Es geschehen Dinge, die ich nicht beschreiben will. Dinge wie sie im 30-jährigen Krieg und in der Nazizeit in Europa passiert sind. Alles ist ausführlich und detailliert dokumentiert in verschiedenen Berichten der Vereinten Nationen, der Afrikanischen Union, von Amnesty International und anderen. Männer, Frauen, Kinder werden ermordet nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe. Zunächst geplant und organisiert wurden Nuer von Dinka in Juba ermordet. Danach in Bor und Bentiu Dinka von Nuer und in den Wochen, Monaten, Jahren danach immer mehr und mehr. Rache, Gewalt, Grausamkeit. Familien wurden ausgelöscht, Millionen fliehen in die Nachbarländer, in die Schutzzonen, die die UNMISS nach den Massakern schuf. Die UNO-Mission war nicht ausgestattet um einen Krieg zu verhindern oder in irgendeiner Form einzugreifen. Tausende Menschen flohen und wollten Zuflucht in den Camps der UNMISS. Anscheinend hat ein Bosnischer UN-Polizeioffizier, dessen Familie in Srebrenica ermordet wurde, seine Vorgesetzten überzeugen können die Tore zu öffnen. So wurden Zehntausenden Menschen das Leben gerettet. Auch heute noch 5 Jahre später leben noch über 200.000 Menschen in verschiedenen Schutzcamps der UNMISS (POC – Protection of Civilians).

 

„Wir haben das nicht kommen sehen“ schreibt Hilde Johnson. Die Geschwindigkeit, der Ernst und das Ausmaß, ich denke niemand hat dies so erwartet.“ Hilde Johnson war bis 2014 die Vertreterin der Vereinten Nation und Leiterin der UNMISS, der UNO Mission im Südsudan. In ihrem 2016 erschienen Buch beschreibt sie, wie sie den Kriegsausbruch erlebt hat, wie sie versucht hat alles in ihrer Macht Stehende zu tun und wie sie hilf- und machtlos zusehen musste, wie Schrecklichstes passiert. Am Tag vor dem Kriegsausbruch (14.12.2013) saß ich mit KollegInnen zusammen von AGEH und Caritas Italiana. Sie haben Pläne geschmiedet wie man die Kommissionen für Frieden und Gerechtigkeit in den Diözesen fördern könnte, die anstehenden Wahlen zu beobachten, bzw. die BürgerInnen darüber aufzuklären und zu mobilisieren. Ich kann mich noch erinnern wie ich einwandte, dass die Wahlen vielleicht gar nicht stattfinden werden. Der Machtkampf innerhalb der führenden Köpfe der Regierung und Partei war in vollem Gange. Die Gerüchte, die in Juba zirkulierten ließen Gewalt befürchten. Lasst uns lieber überlegen wie wir uns auf eine Zuspitzung aktueller Konflikte vorbereiten, wie wir Partnern helfen können sich besser für die nächste Krise zu wappnen. Aber auch ich hatte eifrig geplant und mit Herzblut Ideen entwickelt, mit Cordaid, zwei Partnerorganisationen, Repräsentanten von Verwaltung und BürgerInnen im Erdölgebiet von Melut im Norden des Landes. Nach einem Jahr Recherchen, Gesprächen, Entwürfen waren wir auf der Zielgeraden um eine langfristige Kooperation zu verabreden, die dazu beitragen sollte, dass die Erdölförderung internationale Standards respektiert und zur Entwicklung des Landes und der Förderregionen beiträgt. Auf dem Hinweg (im November 2013) waren wir auf einem kleinen Boot von Malakal nach Melut gefahren, 7 Stunden auf dem träge dahinfließenden Nil, vorbei an Dörfern und viel unberührter Landschaft. Eine sanfte, friedlich Stimmung, unendlich viel Wasser, Palmen, Buschland, Berge aus Grün, undurchdringlich, Nilpferde, gelegentlich ein anderes Boot mit Passagieren aber manchmal auch eine Stunde nur Wasser, Grün, Wind und Sonne. Unsere Gedanken waren bei den Menschen im Erdölgebiet, bei den Fragen wie sie beteiligt werden können an den Entscheidungen der Regierung und der Firmen, wie die erdölverseuchte Gebiete rehabilitiert werden können, wie Arbeit für die jungen Leute geschaffen werden kann. Nein, wir dachten nicht an Krieg. Zurück fuhren wir mit dem Auto, durch die unendliche flache Landschaft mit meterhohem trockenem Gras. Zuerst hielt uns ein gigantischer Buschbrand auf und danach ein Wolkenbruch, der fast verhinderte, dass wir in Malakal ankamen. Die Straße wurde so rutschig, dass ein Vorankommen fast unmöglich wurde. Erschöpft kamen wir in Malakal an, die drittgrößte Stadt im Südsudan, die nur zwei Wochen später Schauplatz von heftigsten Kämpfen wurde und in den Wochen danach mehrere Schlachten erlitt, bis sie fast dem Erdboden gleich gemacht war. Vor dort am Freitag mit dem Flugzeug nach Juba – am Sonntag begann der Krieg. Niemand von uns war seither zurück in Melut gewesen. Der Landkreis Melut ist ein Hochsicherheitstrakt geworden, bewacht durch Milizen die dafür geschaffen wurden – auch unser Übersetzer wurde rekrutiert. Im Landkreis Melut wurde immer auch im Krieg Erdöl gefördert und über eine Pipeline durch den Sudan zum Hafen von Port Sudan gepumpt und dann nach China transportiert wird. Mit dem Geld, das Südsudan dafür bekommt wird der Krieg finanziert, Waffen gekauft, Milizen, Söldner, Rebellen aus dem Sudan und die Armee aus Uganda bezahlt. Mit dem Geld werden Allianzen geschmiedet, Warlords und Kämpfer eingekauft.

 

Noch in Juba, im Dezember 2013, habe ich begonnen Artikel und Dokument zu sammeln über die Lage im Südsudan und sie jede Woche an eine kleine Gruppe von Partnern und Freunden zu schicken. Um ihnen zugänglich zu machen was sie so nicht finden, weil bestimmte Webseiten gesperrt sind, weil Internet so langsam ist oder wegen anderer Gründe. Der Zugang zu Information in den Regionen Südsudans ist schwierig oder sehr einseitig. Ich dachte ich mache das ein paar Wochen. Das ist nun über 5 Jahre her und ich mache es immer noch.

 

Erst hat sich der Krieg durch Juba und nördlichen Regionen gefressen, dann kam er in den Süden. In 2015 wird ein Friedensabkommen unterzeichnet – es gibt ein wenig Hoffnung. Am Beginn der Umsetzung, kurz vor dem Unabhängkeitstag im Juli 2016, bricht es zusammen. Juba explodiert wieder. Die Sicherheitskräfte, die Riak Machar (Vize-Präsident) und Salva Kiir (Präsident) schützen, geraten aneinander während die zwei in einer Sitzung über die Umsetzung des Abkommens verhandeln. Das Misstrauen sitzt tief. Jeder der bewaffneten Kämpfer weiß die andere Seite ist zu allem bereit. Plötzlich Schüsse, wieder ist nicht klar warum geschossen wird, aber es eskaliert es zu einer heftigen Schlacht am Präsidentenpalast. Riak Machar entkommt, zu Fuß bis nach Kongo. In Juba und dieses Mal auch in Wau kommt es zu extremer Gewalt. Und nun eskaliert der Krieg auch in den südlichen Bundesstaaten Equatorias. Landraub, willkürliche Verhaftungen von zivilgesellschaftlich Aktiven und Politikern aus den südlichen Bundesstaaten, Verschwinden lassen von BürgerInnen durch den Geheimdienst, Marginalisierung der Menschen, Korruption und Bereicherung; auf diesem Nährboden entstehen eine Vielzahl von Rebellengruppierungen, die vorgeben die Interessen der Menschen in diesen Regionen zu verteidigen. Sie rekrutieren junge Männer, die sonst keine Perspektive für sich sehen. Alle bewaffneten Akteure zwangsrekrutieren auch Minderjährige. In kurzer Zeit fliehen über eine Million Menschen nach Uganda wo sie Zuflucht finden in 13 großen Ansiedlungen. 1,8 Millionen Menschen sind Vertriebene und leben im Südsudan, und 2,4 Millionen sind in die Nachbarländer geflohen, 1 Million davon nach Uganda. Ein viertel der Bevölkerung ist auf der Flucht – die meisten zum wiederholten Male in ihrem Leben.

 

April 2018: Wegen starken Regens in Yambio, der ein Landen von Flugzeugen auf der Piste unmöglich machte sind wir mit einem UNO Helikopter nach Yambio geflogen. Yambio liegt an der Grenze zu Kongo. Der Hubschrauber fliegt in niedriger Höhe, man fliegt über Wald, Flüsse, Weiden, und Grün soweit das Auge reicht; ab und zu eine Piste oder ein Dorf. Ein schönes Land, ein Land reich an natürlichen Ressourcen. Von oben sieht alles so friedlich aus. Im April es gab es weiter Kämpfe im Busch bei Yambio. Am Tag nach meiner Abreise wurden Mitarbeitende von einer Humanitären Organisation entführt. Sie kamen wieder frei. Schon über 100 Mitarbeitende internationaler Hilfsorganisationen sind getötet worden seit Ausbruch des Krieges. Die Arbeit der Hilfsorganisationen wird immer wieder und in manchen Regionen systematisch behindert durch die Kriegführenden Parteien. Viele Berichte und Aussagen belegen, dass v.a. die bewaffneten Kräfte der Regierung dies als Strategie benutzen um Menschen zu vertreiben. Kurz nach der Unabhängigkeit, 2012 bin ich von Juba über Yei nach Yambio gefahren – es war die Zeit in der alle hofften, dass wirklich Frieden wird, dass es eine Zukunft für die Kinder gibt, viele Möglichkeiten. 12 Stunden Fahrt mit James, einem erfahrenen Fahrer, durch dichten Urwald auf engen Pisten auf dem man nur einmal die Stunde einem anderen Auto begegnete. Er war 30 Jahre alt, Familienvater und mit seinem sicheren Einkommen verantwortlich für die Großfamilie. Vor 2 Jahren ist er gestorben, wegen der katastrophal schlechten Gesundheitsversorgung auch in der Hauptstadt. Es wird geschätzt, dass der Krieg seit 2013 400.000 Tote gefordert hat. Viele davon wegen der gezielten Zerstörung von Infrastruktur für Gesundheit, wegen der Vertreibung von Menschen in unwirtliche Gegenden, dem Verhindern von Selbstversorgung durch Minen, dem Behindern der Arbeit von Hilfsorganisationen, dem Aushungern von Vertriebenen. James hatte nur zwei CDs dabei, die wir die ganze Zeit gehört haben. Eine von Lucky Dube, dem Reggae Musiker aus Südafrika, der hier gerne gehört wird. Er singt von Freiheit, von Gerechtigkeit, von Frieden. Seine Lieder sind voller Sehnsucht.

 

„Born to suffer – Geboren um zu leiden“ ist eines der Songs an das ich so oft im Südsudan und Uganda denken muss. Man schätzt, dass allein in den letzten beiden Jahren 100.000 Minderjährige in den Kämpfen oder auf der Flucht Eltern und Verwandte verloren haben. In Rhino habe ich Kinderhaushalte getroffen. Gruppen von Kindern die ihre Eltern verloren haben und sich selbst organisieren. Born to suffer – Geboren um zu leiden: Born to suffer / If they treat them right - We gonna have a brighter future / If they treat them wrong- We gonna have nothing in the world; If they grow up without their parents - Whose gonna tell them this is right? / If they grow up without their parent - Whose gonna tell them this is wrong? / Without their mother - Children suffering / Without their father - Children suffering - Without their parent's help - Born to suffer.

 

März 2019: Ich komme in Entebbe an, eine schöne Stadt am Victoriasee gelegen. Am nächsten Tag fliege ich mit der MAF weiter nach Arua in den Nordwesten von Uganda wo Kongo, Südsudan und Uganda aneinandergrenzen. Wir zu viert in dem kleinen Flugzeug. Der Pilot betet mit uns, bittet für das Gelingen der Aufgaben, die vor den Passagieren liegen. Von der Landepiste ziehe ich meine Koffer durch den Staub zum Ausgang. Dort warten zwei Mitarbeitende vom Gesundheitsamt. Alle sind in Hab acht. Seit Monaten gibt es immer wieder Ebolafälle im Kongo und die Angst ist groß in Uganda und Südsudan, dass sich die Seuche mit Reisenden über die Grenzen verbreitet. 1.200 Personen haben sich seit dem neuerlichen Ausbruch der Seuche im August letzten Jahres im Nordosten des Kongo infiziert, davon sind fast 800 gestorben. Die Seuche ist nicht unter Kontrolle. Als sie hören, dass ich aus Frankfurt und Entebbe komme entspannen sich die beiden. Fieber wird gemessen, Hände desinfiziert und dann muss ich noch viele Fragen zu meinem Gesundheitszustand beantworten und Angaben machen zu meinen Aufenthalten in den letzten 6 Wochen.

 

Flüchtlinge in Uganda leben in sogenannten „Settlements“ also Ansiedlungen in großen Gebieten in denen Dörfer gegründet wurden zur Aufnahme der Geflüchteten. Selten größer als 3.500 Einwohner. Es sind keine Lager wie sonst in vielen Ländern Afrikas. Jede Familie bekommt ein kleines Stück Land um ein Haus zu bauen und zur Selbstversorgung. Hat jemand etwas womit er Geld verdienen kann, z.B. ein Moped, dann kann er unkompliziert ein Geschäft anmelden und loslegen. Arbeitserlaubnis kann man am ersten Tag bekommen. Uganda nahm und nimmt Flüchtlinge auf aus Südsudan, Kongo, Burundi, Somalia und Rwanda, insgesamt 1.4 Millionen. Meines Wissens hat Uganda Flüchtlinge noch nie abgeschoben. In Uganda leben Flüchtlinge wie alle anderen Bürger. Sie haben die fast gleichen Rechte und Pflichten wie Ugander, sie dürfen sich frei im Land bewegen. Lebensmittel erhalten sie allerdings nur dort wo sie sich registrieren lassen. Flüchtlinge und Ugander nutzen die gleichen Einrichtungen, Schulen, Gesundheitszentren. Die Hilfsorganisationen müssen ihre Projekte und Zuwendungen so gestalten, dass 30% der Ressourcen der lokalen ugandischen Bevölkerung zugutekommen – um Konflikten vorzubeugen und die aufnehmende Bevölkerung nicht mit der Bürde alleinzulassen; denn sie sind konfrontiert mit der Übernutzung der Ressourcen, die sie zum Überleben brauchen: Holz, Weideland, Ackerland, Wasser, Arbeitsplätze, etc.

 

Wenige Flüchtlinge aus dem Südsudan, Schätzungen sprechen von 100.000 Menschen, sind seit der Unterzeichnung des „Revitalisierten Friedensabkommens“ im September 2018 nach Südsudan zurückgegangen, sie trauen dem Frieden nicht. Sie gehen zurück um zu sehen wie die Lage ist. Ob es ihr Dorf noch gibt; ob ihr Haus noch steht; ob es sicher genug ist, dass man auf die Felder kann. Das ist meist nicht der Fall. In und um Yei gibt es weiter Gefechte zwischen Regierungstruppen und einer Fraktion, die den Friedensvertrag nicht unterzeichnet hat. Auch in vielen anderen Orten ist die Lage so angespannt, dass niemand dem „Frieden“ traut. So kommen sie zurück in die Settlements. Andere kehren zurück nach Südsudan um sich rekrutieren zu lassen von einem der bewaffneten Gruppen, die das Friedensabkommen unterzeichnet haben. Eine Überlebensstrategie - denn wenn man rekrutiert und registriert wird, dann kommt man vielleicht in das Demobilisierungsprogramm. Wer demobilisiert wird bekommt vielleicht eine Anstellung in der Armee oder Polizei, oder zumindest eine Starthilfe für ein ziviles Leben. Nach erfolgreicher Registrierung kommen dann viele wieder zurück nach Uganda. Der Weg dahin und zurück ist gefährlich. Es ist ein großes Risiko das Menschen auf sich nehmen um vielleicht etwas abzubekommen von dem Kuchen, der vielleicht verteilt wird.

 

Der Kampf ums Überleben prägt das Leben, denn trotz guter Politik in Uganda, mangelt es den Flüchtlingen an allem. Mütter und Kinder machen den Großteil der Flüchtlinge aus. Mütter kämpfen ums Überleben und finden Wege. Junge Menschen und vor allem Männer sehen kaum Perspektiven. Perspektivlosigkeit und Armut ist gepaart mit Hass und Gespaltenheit der Menschen aus Südsudan. Da setzt Hummingbird Action for Peace and Development an. Ihr erinnert euch, nach dem Ausbruch des Krieges in Yambio und Westequatoria musste auch der Direktor Peter und andere Mitarbeitende von HAPD ihre Familien in Uganda in Sicherheit bringen. Schon vorher bei einem Treffen verschiedener Partner von PAX, AGEH und Misereor in Kampala entstand die Idee einen Ableger der jungen Organisation in Uganda aufzubauen und damit ihr Überleben zu sichern. Mit einem Zweig in Uganda kann die Arbeit weitergehen, auch wenn man in Yambio wegen der Gewalt hätte aufhören müssen. HAPD konnte glücklicherweise in Yamibo bleiben und seine Arbeit weiterführen, allerdings nur in der Stadt Yambio – gleichzeitig wurde HAPD Uganda aufgebaut. Für den Aufbau des HAPD Zweiges in Yambio haben viele von euch gespendet und wir konnten zwischen Februar 2017 und Juni 2018 in vier Tranchen insgesamt 73.000 € überweisen für den Aufbau und den Start von Maßnahmen für Einkommensschaffung und zur Überwindung von Hass und Zerrissenheit. Diese Unterstützung ermöglichte es HAPD zu eruieren, zu experimentieren, Maßnahmen durchzuführen und zu testen, Ideen weiter zu entwickeln, Vertrauen zu Zielgruppen aufzubauen, andere Organisationen zu treffen, die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen und ein Team zu bilden. Im Juni 2018 nach erfolgreicher Registrierung und einem längeren Planungsprozess konnte HAPD dann Misereor einen Antrag vorlegen für die Arbeit im Südsudan und in Uganda. Der Antrag wurde bewilligt und dieses Projekt ist im Sommer letzten Jahres angelaufen. HAPD hat nun eine gute Finanzierung um die Pläne umzusetzen.

 

Die Mitglieder von HAPD in Uganda sind zumeist selbst geflüchtet. Alle haben sie ihrer Geschichte, eine Geschichte von Gewalt, Verlust, Hoffnung, zerstörter Hoffnungen, Flucht, Neuanfang, Rückkehr, neuerliche Gewalt, und wieder Flucht und wieder anfangen. Sie haben viele Geflüchtete getroffen in zwei Ansiedlungen (Rhino und Kiryandongo), Jugendliche, Frauen, Fraueninitiativen für Frieden, Musik- und Theatergruppen von Jugendlichen und sich mit ihnen ausgetauscht und versucht herauszufinden was das Wichtigste ist. Auf der Grundlage der Antworten hat HAPD sich zwei Schwerpunkte gesetzt: 1-Einkommen schaffen mit Kleinkrediten für kleine Geschäfte und Handwerk sowie 2-friedenspädagogische Angebote für die gleichen Personen und Gruppen mit dem Ziel zur Überwindung von Hass und Trennung beizutragen. Für das letztere gibt es viele Ideen und auch Initiativen der Gruppen mit denen HAPD arbeitet. Z.B die Botschafterinnen für Frieden, eine Gruppe von Müttern, die sich in ihren Ansiedlungen für die gewaltfreie Schlichtung von Konflikten einsetzen. Die Wasserversorgung ist knapp für die vielen Menschen. Wenn die Tanklastzüge, die die großen Wassercontainer befüllen, zwei oder drei Tage später kommen, liegen die Nerven blank bei den Menschen. Beim Wasserholen gibt es dann Rangeleien, die zu gewaltsamen Auseinandersetzungen ausarten können. Die Frauen haben einfache Regeln entworfen und von den Dorfräten bestätigen lassen. Sie sind, wenn das Wasser verspätet kommt anwesend, sichtbar durch die einheitlichen T-Shirts mit Aufdruck „Botschafterinnen für Frieden“ und helfen das Chaos zu organisieren. Dort wo sie tätig sind gibt es keine Gewalt mehr und Regeln werden respektiert. HAPD hat sie unterstützt mit den T-Shirts, und Kleinkrediten für die Mitglieder. Sie sind hochmotiviert und haben schnell zurückbezahlt. Mit dem zurückbezahlten Geld werden dann immer andere Mitglieder unterstützt. Was sie am meisten schätzen an HAPD habe ich sie gefragt. Die Anerkennung, der Respekt, die Wertschätzung die HAPD ihrer Initiative entgegenbringt. Das hat sie aufgewertet, Bedeutung gegeben und ihnen dadurch mehr Handlungsspielräume eröffnet.

 

Die jungen Menschen sind HAPD ein besonderes Anliegen, aber es ist auch besonders schwer Wege zu finden mit ihnen zu arbeiten. Sie sind besonders mobil, immer auf dem Absprung, wenn es möglicherweise in einer anderen Ansiedlung oder einer Stadt interessantere Perspektiven gibt. Sie werden umworben von allen bewaffneten Gruppen. Sie nutzen die sozialen Medien, die auch von allen bewaffneten Gruppen genutzt werden. Mit Bildern und Texten, mit richtigen und falschen Meldungen, mit Hassreden wird zu Rache und Gewalt aufgerufen. Stereotypen und Vorurteile werden verbreitet und bestätigt. Sie sitzen und vertreiben sich den Tag mit Kartenspielen, Drogen, Alkohol, stacheln sich gegenseitig auf, gehen kriminellen Aktivitäten nach. Mit Mitteln von Misereor konnte in einem der neuen Dörfer im Rhino Settlement ein Jugendzentrum gebaut werden. Das wird demnächst eröffnet und soll ein Raum werden indem junge Menschen die Möglichkeit haben Visionen und Ideen zu entwickeln, sich in einem geschützten Raum zu treffen, auszutauschen, voneinander zu lernen und die Zukunft zu leben. Es wird eine große Herausforderung, diesen Treffpunkt mit den jungen Leuten zu verwalten, mit Leben zu füllen. Dort und in Schulen will HAPD nun mit friedenspädagogischen Angeboten beginnen. Deswegen war ich dort. Wir haben gemeinsam Module entwickelt für diese Arbeit.

 

Diese Momente gemeinsamen Lernens sind für mich und die Teilnehmenden intensive Zeiten, da es da kein Thema gibt das nicht direkt mit ihrem Leben zu tun hat. In alles fließt ihr Erlebtes mit hinein. Meine ungefähre Planung für diese Workshops, wird jeden Tag umgeschmissen, neu sortiert, verändert. Tagsüber moderiere ich, nachts sitze ich und überlege rauf und runter wie wir an einem Thema weiterkommen.

 

Was ist Frieden? Alle haben sie Gewalt erfahren, existentiell. Frieden und friedlich wird oft als Wort verwendet um einen Zustand zu beschreiben indem es keine physische Gewalt gibt. Mit „es ist friedlich“ meint man, dass es keine Kämpfe gibt und man kann von A nach B reisen kann. Frieden in seinem umfassenden Sinne ist nicht Teil der Lebenserfahrung der Teilnehmenden oder der Geflüchteten in den Siedlungen. Der Versuch gemeinsam eine Formulierung zu finden, die beschreibt was Frieden ist, scheitert. Wie steigen wir dann in dieses Thema ein? Ich lasse die Teilnehmenden in kleinen Gruppen das Wort Friede in allen Sprachen, die sie kennen aufschreiben. Eine Gruppe findet 11 die andere 18, v.a. Sprachen die im Südsudan gesprochen werden. Dann gehen wir der Bedeutung der Worte auf den Grund. Es gibt Unterschiede, und bei manchen Sprachen ist es den Teilnehmenden auch nicht klar. Aber in der überwiegenden Mehrheit, bedeutet das Wort Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern umfasst wie das deutsche Wort Frieden, Dinge wie Freundschaft, Liebe, Unversehrtheit, heilsamer Zustand, Gesundheit, Sicherheit, Entwicklung, auch Gerechtigkeit. Ich lasse die Teilnehmenden aufschreiben wie Kinder Frieden beschreiben würden und das klappt viel besser. Wenn sie sich in Kinder versetzen, können sie ihre Sehnsüchte, ihre Wünsche von einer friedvollen Gesellschaft formulieren.

 

Gab es auf dem Territorium das heute Südsudan heißt jemals Frieden? Auch diese Frage ergab eine gute Diskussion über das was Frieden ausmacht. Jeder Teilnehmende brachte seine Kenntnis von der südsudanesischen Geschichte, seine eigene Erfahrung der letzten 20 bis 40 Jahre, sein Verständnis von Frieden ein. Geschichtsschreibung ist wenig entwickelt in Südsudan. Es ist auch wenig von dem was überliefert wird oder wurde in zugänglicher Weise aufgeschrieben. Was dokumentiert ist beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Statthalter des Ottomanischen Reichs erobert Sudan und will an die Reichtümer des Südens. Bis dahin war Südsudan durch den Sudd, das gigantische Binnendelta des Nil geschützt, ein undurchdringlicher Sumpf. 1820 gelang es den ersten Eroberern den Sudd zu durchdringen und damit begann Sklavenjagd und -handel; zu einer Zeit in der das Vereinigte Königreich die Sklaverei abschaffte und den Sklavenhandel verbot.

 

Nicht erst in unserer Zeit der Globalisierung erleben wir wie Investoren, Regierungen und bewaffnete Gruppen unheilvolle Allianzen eingehen um Reichtümer zu plündern; das war damals schon so. Schon damals gab es eine effektive Arbeitsteilung zwischen Abenteurern, Söldnern, Sklavenhändlern, Verwaltungen und Investoren. Mit dem Geld von Investoren aus Europa, jagen Söldner aus Europa, Russland, Persien Menschen im Südsudan, versklaven sie und bringen sie zu den Sklavenhändlern, die sie auf Märkten in Khartum in die ganze arabische Welt verkaufen. Bis zu 120 Privatarmeen fahren den Nil hinauf um Menschen zu versklaven. Die Weise wie die Dörfer überfallen wurden gleichen den heutigen Kriegsereignissen. Dörfer werden komplett zerstört, kräftige Personen mitgenommen, die anderen ermordet, das Vieh und alles von Wert gestohlen. Um das Risiko in den Kämpfen zu mindern werden Angehörige verschiedener Volksgruppen gezwungen oder bezahlt Dörfer anderer Gruppen zu überfallen und die Gefangenen an die Söldner abzugeben. Es gibt Dokumente, die den Horror von damals beschreiben. In diesem 19. Jahrhundert sind die Spaltungen zwischen den Völkern des Sudan gezielt geschaffen worden. Aber es war erst der Anfang. Nach den Sklaven, Elfenbein, dann Gold, dann die Kolonialzeit und in den 1980er Jahren Erdöl und das Nilwasser. Aus Südsudan wurde immer etwas extrahiert, die Menschen unterworfen, versklavt, gefoltert, vertrieben von ihren Dörfern, vertrieben aus den Erdölregionen und zu Gewalt gegeneinander gezwungen oder gekauft. Wer nicht mitmachte wurde ermordet, verschleppt. Die Investoren und Banken aus dem Ausland, die Machtelite im Sudan, die Warlords, Milizen und Söldner, sie bestimmen die Geschicke dieses Landes seit 199 Jahren. Diese globalisierte Wirtschaft des Extrahierens ist gebaut auf Gewalt. Gewalt ist ihr Hauptcharakteristikum.

 

Die Diskussion, unser Austausch ist mehr als deprimierend: also gibt es keinen Frieden für Südsudan oder zumindest nicht für uns, nicht für unsere Generation. Auch daran entspann sich eine interessante Diskussion. Und wir schließen damit, dass Frieden ist ein Prozess ist, kein Zustand. Und weil es ein Prozess ist kann er heute mit uns beginnen. Frieden ist der Weg zum Frieden, den wir heute beschreiten können.

 

Gewalt: Alle Teilnehmenden und alle Geflüchteten mit denen HAPD arbeitet, haben Gewalterfahrungen, waren Opfer physischer Gewalt, waren Zeugen von Grausamkeiten und Kriegsverbrechen, wissen von Verstümmelung, Vergewaltigungen, gezielter Vertreibung, dem Auslöschen ganzer Familien. Alle erinnern sich an erste Gewalterfahrung als Kinder, und dann immer wieder. Der Austausch über die Geschichte vorher ermöglicht den Gewaltbegriff auszudehnen, auf strukturelle Gewalt und dem Nährboden von Gewalt: Rassismus, Hass, Rache, Überlegenheitsgefühle. Aber wie jeder einzelne sich mit Gewalt auseinandersetzt, was ihre Gefühle denjenigen gegenüber sind, die ihr Leiden, ihre Flucht verursacht haben – da kommen wir nicht ran. Also andere Fragen, in kleinen Gruppen, in der großen Gruppe: Wie wird Gewalt gerechtfertigt? Wie argumentieren die Gewaltakteure? Warum ist Gewalt immer eine Option? Warum können Rebellen und Armee nach wie vor behaupten, dass es keine andere Option gäbe, Gerechtigkeit zu schaffen, Gehör zu finden? Wie rechtfertige ich Gewalt in der Erziehung meiner Kinder? Wie körperliche Gewalt in einem Konflikt mit anderen? Was ist unsere Einstellung zu Gewalt? Wir kommen nicht ran – es ist zu persönlich, zu schwierig, zu gefährlich auch, darüber offen zu reden. Oder es ist wirksam verdrängt und soll dort wo es ist bleiben. Es gab nie eine Zeit für keinen der Teilnehmenden um vergangene Gewalt aufzuarbeiten. Immer folgte neue Gewalt, und immer entstand neuer Hass und der Sinn nach Rache, immer wieder neue Situationen in denen Gewalt als einzige Option dargestellt wurde. Wie können wir das anpacken? Ich bin auch ratlos. Wir verabreden einige Fragen und Methoden für Modul zu Gewalt mit den Jugendlichen. Sie wollen es versuchen im Juli werten wir die Erfahrungen aus.

 

Konflikt: Alle haben schon mal eine Fortbildung zu Konflikt und Konfliktmanagement mitgemacht. Das wird als Anhängsel von Humanitären und Entwicklungsorganisation immer mit angeboten. Eine kurze Schnellbleiche ohne Zusammenhang, ohne Nachhalten, kein Lernprozess, Vorträge. „Konflikt ist der Gegensatz von Interessen; Konflikt hat positive Funktionen“, und mehr solcher Allgemeinplätze stehen in ihren Notizbüchlein von diesen Workshops. Das schmerzende, das zutiefst verunsichernde von Konflikt, das womit man nicht umgehen kann, das alle in einem Konflikt quält, wird einfach ausgeblendet. So steige ich ein mit Bildern, die Eskalationsstufen von Konflikt abbilden – das schafft eine lebhafte Diskussion in der Teilnehmende Beispiele von Konflikten beschreiben. Dann erarbeiten wir wie schmerzhaft Konflikt von uns allen erlebt wird. Konflikt verunsichert, nichts ist mehr wie vorher. Worte klingen anders, man kann nicht mehr vertrauen, muss sich wappnen gegen Schläge, holt zu präventiven Gegenschlägen aus. Konflikt egal auf welcher Ebene ist zutiefst verunsichernd, bedrohlich und schmerzhaft.

 

Und, Konflikt ist präsent, allzu präsent in allen Beziehungen der Teilnehmenden. Vieles wird verdrängt, denn dafür ist kein Platz im Leben. Es geht ums Überleben für die Geflüchteten. Auch als Mitarbeitende von HAPD geht es um Überleben um Sicherung der Zukunft; um die Zukunft der Kinder, der eigenen und der großen Zahl an Waisen aus der Verwandtschaft für die man Verantwortung übernommen hat. „Born to suffer“ – Nein alle möchten eben nicht, dass ihre Kinder zum Leiden geboren wurden, sie wünschen sich ein frohe Zukunft für ihre Kinder, für Pascal, für Bakhita, für Sophie, für Christopher, für Hillary…. Das lastet, das drückt, das nimmt die Luft zum Atmen; das macht die Spielräume für ihr Handeln eng. Konflikte auch innerhalb von HAPD werden von Einzelnen schnell als Existenzbedrohend wahrgenommen. Die potentiellen Konflikte in HAPD, wie in jeder anderen Organisation sind vielfältig. Wir lernen die Zwiebel, eine Methode zur Analyse von Konflikten. Mit dem einfachen Schema kann man lernen bei Konfliktparteien zu unterscheiden was die Positionen (was wir sagen wir wollen) ), die Interessen (was wir wirklich wollen) und Bedürfnisse (was wir haben müssen). Das letztere ist nicht verhandelbar, da sonst Überleben gefährdet ist – trotzdem können dort die Gemeinsamkeiten gefunden werden, die es erlauben Lösungen und Kompromisse zu finden. Wir spielen es durch für HAPD und schauen uns die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Zielgruppen, der Mitarbeitenden und von HAPD als Organisation an. Es ist fällt allen schwer zu unterscheiden zwischen Interessen und Bedürfnissen. Als es dann gelingt sind die meisten sehr frustriert zu sehen wie viel Interessenskonflikt besteht, wie viel Potential für Konflikt in der gemeinsamen Organisation und dem gemeinsamen Programm. Die Leitung ist froh dies einmal so klar zu sehen. Mitarbeitende sind frustriert, da sie insgeheim gehofft hatten, dass sie als Mitarbeitende von HAPD ihre Probleme weitgehend lösen könnten. Aber nach der Übung ist allen klar das geht nicht. Das Team hat im Anschluss Fortbildung eine lange Sitzung wo sie versuchten Dinge gerade zu ziehen:

Ein Mitarbeiter war in der Politik und in Ministerien tätig. Er hat rechtzeitig erfahren, dass der Geheimdienst ihn sucht, wie viele, die unter einem Gouverneur gearbeitet haben, der in Ungnade gefallen war und verhaftet wurde. Er konnte fliehen, ist seit 2 Jahren hier, aber er hofft auf den Friedensvertrag, er will da wieder hin, nach Yambio, in die lokale Politik und deswegen hält sehr regelmäßigen Kontakt zu politischen Kreisen im Südsudan. Das ist sehr gefährlich für HAPD. Das kann die Leitung nicht akzeptieren, denn es gibt keine scharfe Trennlinie zwischen Politik und Gewaltakteuren. Der Vorwurf Rebellen zu unterstützen ist schnell gemacht. Telefone werden auch in Uganda abgehört. Diese Kontakte des Mitarbeiters sind eine Gefahr für HAPD. Er muss wählen HAPD oder seine Zukunft als Politiker. Die Debatte war sehr emotional. Ein anderer wohnt in Kiryandongo, der zweiten Ansiedlung in der HAPD präsent ist. Aber im Misereor finanzierten Projekt sind dort nur Pilotvorhaben geplant, keine Stellen für Mitarbeitende. Für die dortigen Mitglieder ist das Ungleichbehandlung, die sie nur schwer akzeptieren können. Es wird gerungen seit Monaten. Auch die Diskussionen um vorbildhaftes Auftreten der Mitarbeitenden ist immer eine schwierige konfliktbehaftete Diskussion. Die Leitung fordert das ein, Respekt, Anerkennung, Demut im Umgang mit Zielgruppen; Respekt im Team, eine gewaltfreie Sprache, Respekt der Pflichten und zeitnahes Erledigen von Aufgaben, gegenseitige Unterstützung, der Umgang mit Fehlern, etc. Der schwierige Austausch dazu wird als Kritik, als Einmischung, als übergriffig empfunden von den meisten Mitarbeitenden.

 

Wir schauen noch eine Reihe von Themen an: Fair Play, Grundregeln für den konstruktiven Umgang mit Konflikten, De-Eskalation; Mein Beitrag zum Frieden; Das Überwinden von Stereotypen / Vorurteilen und werden damit im Juli weitermachen.

 

Ich weiß es geht im tiefsten Innern um Hass, nicht einfach um vorgefertigte Meinungen oder Abneigung wegen Vorurteilen. Der Krieg wird mit allen Mitteln geführt, systematische Massenvergewaltigungen, tiefste Demütigungen und Erniedrigungen, die anderen Gruppen sollen keine Zukunft haben, vollständige Zerstörung, physisch, psychisch, seelisch; Gewalt produziert neue Gewalt; jede Grausamkeit wird überboten von einer neuen Grausamkeit. Diese Erfahrungen produzieren tiefstes Misstrauen, Hass und Hoffnungslosigkeit hinsichtlich der Beziehungen zwischen bestimmten Volksgruppen und verhindert auf Lange ein konstruktives Miteinander. Die Überwindung von Stereotypisierung wäre nur ein erster Schritt; aber vielleicht ein Schritt um uns dann dem Hass zuzuwenden, der im Inneren frisst. Der Hass, der gewachsen ist auf dem unbeschreiblichen Leid, das hunderttausenden zugefügt wurde. Berge von Hass haben sich aufgetürmt. Wann kann dies überwunden werden? Wenn das erst unsere Kindeskinder können, was können dann wir tun? Wie kann eine Annäherung an das Thema aussehen? Ich weiß es nicht, wir werden bei einem nächsten Besuch daran weiterarbeiten.

 

April 2018: Ich bin mit dem Fahrer vom Hotel auf dem Weg zu einem Treffen. Er hat mir eine Plastiktüte voll Geld mitgebracht, die er für mich gegen 100 US Dollar eingetauscht hat. Die Inflation hat das südsudanesische Pfund völlig entwertet. Eine Polizistin winkt uns an die Seite. Sie will kein Ausweis, keine Papiere sehen, sie bittet um „Wasser“ also um eine Aufmerksamkeit in Form von Geld. Sie verdiene 1.500 SSP (zehn Euro) im Monat, ein Fass Wasser kostet 300 SSP. Ein Essen am Tag daran sind die Kinder schon gewöhnt. Aber wenn ich das nicht schaffe, dann gibt es Streit zu Hause.

 

Von der Dachterrasse des Hotels sehe ich einen Friedhof. Dort leben Menschen unter Plastikplanen. Es ist die letzte Zuflucht, z.B. für vergewaltigte Mädchen mit ihren Kindern, missbraucht und dann verstoßen. Auch junge Leute, die aus den Gangs ausgestiegen sind. In allen Stadtteilen gibt es diese Banden, die stehlen, rauben, vergewaltigen, Drogen nehmen und mit Drogen handeln. Einmal in einer solchen Gang gibt es eigentlich kein Weg mehr heraus. Wer abhaut, wird gesucht und zurückgeholt, oder ermordet oder er kann Schutzgeld zahlen. Auch diese Aussteiger suchen Zuflucht an diesem elenden Ort. Dort lässt man sie in Ruhe. Ich war noch nie in diesem Friedhof, aber bei jedem Besuch in Juba fahre ich daran vorbei und denke an die Menschen die dort leben.

 

Ein paar Tische weiter feiern junge Mitarbeitende von Hilfsorganisationen einen Geburtstag, mit Kuchen, frisch gepressten Fruchtsäften, Bier, Luftballons. Es wird gesungen, geherzt, gelacht. Es ist Partystimmung, junge Leute aus Afrika, Europa, USA beim Versuch etwas Normalität in ihren Alltag der Humanitären Hilfe zu bringen. Im Juli 2016 wurde das Terrain Camp überfallen, ein Hotel in dem sich viele internationale Mitarbeitenden der Hilfsorganisationen treffen. Regierungssoldaten überfielen das Hotel, vergewaltigten Frauen, bedrohten, demütigten die Leute. Ein südsudanesischer bekannter Journalist wurde vor ihren Augen mit vielen Schüssen ermordet. Die UNMISS wurde informiert, sie kamen nicht. Erst Stunden später wurde der Überfall von einer anderen Einheit gestoppt. Der Überfall war eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft.

 

Ich treffe KollegInnen, die noch viel länger als ich zum Südsudan arbeiten. Es wird ein langes Gespräch mit über die Lage, das Erlebte, ein Austausch über unsere Hilflosigkeit und die Ideen, die wir dennoch haben, über die fehlende Kooperation zwischen internationalen Organisationen, die Friedensinitiativen unterstützen, über den Vertrauensverlust in allen Kreisen der Gesellschaft, über das Augen verschließen und das Weiter so. Im Nachbarhof scheint eine Feier vorbereitet zu werden. Eine Hochzeit. Laute Musik dröhnt aus Lautsprechern zu uns herüber und beschallt die ganze Gegend. Zwei in unserer Gesprächsrunde verstehen die Texte. Kriegslieder sagt sie, Kriegslieder bestätigt er. Wir nicken, schauen uns an. Kein Kommentar. Es hat über 40 Grad, aber uns fröstelt.

 

Ein Gewittersturm geht über Juba nieder, die Straßen werden zu Flüßen und Bächen auf denen ein dichter Teppich von Müll und Plastikflaschen schwimmt. Ich fahre mit Freunden nach Kit zum Friedenszentrum in dem wir (PAX, Misereor und AGEH) begonnen hatten Räume für einen offenen Austausch zwischen FriedensstifterInnen zu schaffen. Wir fahren zu einem spontanen Abschiedstreffen einer Kollegin. Auf dem Weg kommen wir an einem Camp der Minenräumer vorbei. Seit gut zwei Jahren sehe ich sie hier, kaum 10 km außerhalb der Hauptstadt. Sie arbeiten sie sich zentimeterweise vorwärts in den bekannten verminten Gebieten. Alle paar Monate verlegen sie ihr Camp zwei Kilometer weiter. Was für ein Bild. Internationale Organisationen räumen Minen aus dem vergangenen Krieg während der aktuelle tobt und neue Minen an anderen Orten gelegt werden.

 

Es war ein guter Austausch unter anderem zu der Frage wie angesichts des sich verschlechterten Kontextes, der vielen Brüche und Konflikte in der Kirche und Zivilgesellschaft, des häufigen Personalwechsels bei Partnern und Unterstützern eine Vertrauensbasis immer wieder neu geschaffen und erhalten werden kann. Es kam der Vorschlag auf, neue Kooperationen zu wagen, die Zusammenhänge in denen sie arbeiten zu öffnen, Potentiale wie das Kit Zentrum und neue zivilgesellschaftliche Initiativen stärker zu nutzen um Beispiel zu geben und um Zusammenhänge zu schaffen wo man Ideen auch umsetzten kann. Das heißt auch das Netzwerken jenseits der Institutionen zu intensivieren. Ich fand das sehr interessant, aber es sind erst mal nur vage Ideen. 

 

Es ist mein Dauerthema. Wie kann man Räume schaffen, wo Vertrauen entsteht, wo man offen und ehrlich über die Herausforderungen und die Probleme sprechen kann; wo das Eingestehen von Scheitern möglich ist; wo man nicht verdrängt sondern den Kontext von Gewalt, Hass, Korruption, tiefer Spaltung und Misstrauen, menschenverachtender Grausamkeiten klar vor Augen hat; wo man sich eingesteht, dass dieser Kontext präsent ist in allen Institutionen und Beziehungen. Räume in denen man dennoch Träume teilt und Ideen entwickelt und sich zum Experimentieren ermutigt; wo man versucht gemeinsam zu verstehen wo sich die Lage hin entwickelt und wo man nach Zusammenbrüchen und Scheitern den Mut hat auszuwerten und zu Lernen. Ich hatte das Privileg zu solchen Räumen beitragen zu können und habe selbst darin gelernt und Hoffnung geschöpft. Im Moment gibt es sie nicht, für die Partner mit denen ich arbeite, zumindest weiß ich nichts davon. Und auch ich habe diesen Raum nicht. Ich empfinde das als das Wichtigste in unserer Solidaritätsarbeit im Südsudan, aber mir gelingt es nicht oder nur immer mal, und nur für kurze Zeit.

 

Um Spenden zu bitten für die Arbeit in diesen Situationen ist nicht einfach. Die Menschen mit denen ich arbeite, haben eigentlich keine Chance. Ob sie die Chance nutzen können – die entstehen, wenn sie für ihre Ideen Unterstützung erhalten ist völlig offen. Ich denke meine Beschreibungen haben das deutlich gemacht. Trotzdem mache ich das, für ganz bestimmte Dinge, wie den Aufbau des Zweiges von HAPD in Uganda. Den hätte es wahrscheinlich nicht gegeben ohne eure Unterstützung. Ich übernehme Verantwortung – aber ich frage mich oft ob ich es tatsächlich verantworten kann, ihnen gegenüber, euch gegenüber? Ich weiß es nicht. Über euer Vertrauen bin ich sehr dankbar.

 

April 2019: Wie sieht die Lage heute im Südsudan aus?

Das Abkommen aus 2015 wurde neu verhandelt und heißt jetzt Revitalisiertes Übereinkommen zur Konfliktlösung im Südsudan. Es ist ein „Power-Sharing Deal“, ein Abkommen, das Macht und Zugang zu Ressourcen unter den Bewaffneten Konfliktparteien verteilt. Um alle Interessen zu befriedigen gibt es nun die Posten Präsident, Erster Vize Präsident und 4 weitere Vizepräsidenten; 35 Minister und 10 Staatssekretäre. Mit 550 Abgeordneten ist das südsudanesische Parlament dann das größte in der Region. Eine Reihe bewaffneter Gruppen hat es nicht unterzeichnet und damit schließt es nicht alle Kräfte ein. Die Ursachen der vielen Konflikte im Land geht es nicht konkret genug an. Die Chancen auf eine gemeinsame und konstruktive Umsetzung von R-ARCSS sind gering. Ein gemeinsamer Wille und Engagement ist nicht sichtbar. Diplomatische Initiativen mit Nachdruck fehlen. Die Vereinbarungen zur öffentlichen Sicherheit und zur Sicherheit der neuen Regierung und Regierenden sind nicht umgesetzt. Viele andere Verabredungen sind weit hinter Plan. Dennoch soll die Übergangsregierung am 12. Mai ihre Arbeit beginnen. Es gibt noch keine wirkliche Perspektive für die juristische Aufarbeitung der begangenen Verbrechen. Die Bevölkerung ist nicht wirklich informiert über das Abkommen.

 

Es gibt weniger Gefechte zwischen Konfliktparteien im Moment, deutlich weniger als nach der Unterzeichnung des Abkommens in 2015, aber es gibt sie noch in vielen Landesteilen. Es gibt immer nur vorübergehend etwas Sicherheit und Stabilität, die Mobilität zulassen. Aber das ändert sich ständig und von einem normalen Handel und Verkehr ist Südsudan weit entfernt.

 

Es wird nicht deutlich wie mit Hass, Rachefühle, der tiefen Spaltung und Zerrissenheit umgegangen werden wird.

Wie wenig die Menschen dem Abkommen trauen zeigen die geringe Zahl der Geflüchteten, die zurückkehren.

 

Investitionen in den Extraktiven Sektor werden vorbereitet, Verträge abgeschlossen. Erdöl, Tropenholz, Gold haben den Krieg, die Gewalt, die Klientelpolitik, den Machterhalt finanziert. Der Raub der Ressourcen durch die Machtelite bleibt ein Charakteristikum der Politischen Klasse.

 

Die Lage für MenschenrechtsverteidigerInnen und FriedensstifterInnen bleibt hoch gefährlich und bedrohlich. Das zeigen Bedrohungen und ein aktueller Prozess gegen eine ganz Gruppe von politischen Gefangenen (Zivilgesellschaft und Geschäftsleute), denen Hochverrat vorgeworfen wird und die seit Monaten in Haft sitzen.

 

Der nächste Gewaltausbruch ist in Vorbereitung - so scheint es; zumindest gibt es Informationen über Waffenkäufe, Rekrutierung und das Schmieden neuer Allianzen.

 

April 2019: Ökumenische / spirituelle Klausur im Vatikan am 10/11. April

Auf Initiative und Einladung des anglikanischen Erzbischofs von Canterbury Justin Welby und des Papst Franziskus und des südsudanesischen Kirchenrats waren Präsident Salva Kiir Mayardit, die designierten Vize Präsidenten Riek Machar, Taban Deng Gai, Rebecca Nyandeng De Mabio (Wittwe von John Garang) im Vatikan zu einer spirituellen Klausur in Santa Marta, der Residenz des Papstes. Mitglieder des Kirchenrates, der Erzbischof von Gulu (Uganda) John Baptist Odama und Jesuiten Pater Agbonkhianmeghe Orobator nahmen ebenfalls teil an der zweitägigen ökumenischen Klausur.

 

Erzbischof Justin Welby und Papst Franziskus sind seit längerem sehr engagiert für den Frieden im Südsudan. Sie haben dies zu einer ihre wichtigen Aufgaben gemacht. Allein was können Geistliche tun in diesen Kriegen. Sie versuchen es mit solchen ungewöhnlichen Initiativen.

 

Bruchstücke der Botschaft von Papst Franziskus an den Präsident und die Vizepräsidenten waren in den Medien zu lesen: „Friede sei mit euch! Es ist ein außergewöhnliches Treffen. Spirituelle Klausur meint, dass wir uns an einem abgeschiedenen Raum treffen, uns sammeln, nachdenken, dem Gebet vertrauen, Versöhnung möglich machen, sodass wir davon gewinnen und damit die Gemeinschaften zu denen wir gehören. Wir wollen uns fragen was Gott möchte, dass ich ändere in meinen Verhaltensweisen und was meine konkreten Aufgaben sind.

Ich bitte euch von ganzem Herzen, bleibt in Frieden. Es wird Kämpfe zwischen euch geben, aber haltet diese im Inneren eurer Büros. Den Menschen gegenüber haltet eure Hände fest. Sucht nachdem was euch verbindet, z.B. die Tatsache, dass ihr vom gleichen Volk kommt. Sucht zu überwinden was euch trennt. Die Menschen sind sterbensmüde, erschöpft von den Konflikten. Gott und euer Volk schauen auf euch, beendet die Feuer des Krieges. Frieden ist das erste Geschenk Gottes und Frieden ist die wichtigste Verpflichtung von Regierenden. Gott wird uns nach unseren Anstrengungen für Frieden und das Wohl der Menschen und im Besonderen der Marginalisierten und in Not geratenen fragen. „

 

Danach bat Papst Franziskus um Erlaubnis näher zu treten und überraschte alle als er niederkniete und die Füße der teilnehmenden südsudanesischen Regierenden küsste. Es kommt, so viel ich gelesen habe, sehr selten vor dass der Papst jemandes Füße küsst. Er macht es in ganz bestimmten Situationen. Es ist eine Geste der Demut, die seinen Worten Nachdruck verleiht.

 

Papst Franziskus und Erzbischof Welby treffen sich mit Anführern aus Südsudan, die verantwortlich sind für abscheulichste Verbrechen und Vergehen an den Völkern des Südsudan. Es braucht ein Wunder damit diese Anführer ihrer Volksgruppen und bewaffneten Einheiten tatsächlich Frieden schaffen. Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass das Abkommen gebrochen wird und es zu neuerlicher abscheulicher Gewalt kommt. Trotzdem organisieren sie diese Klausur, werfen ihre Autorität und Ansehen in die Waagschale, mit dem Risiko sich komplett lächerlich zu machen. Sie sind religiöse Autoritäten aber sie haben keinerlei Macht oder Einfluss auf diese Personen. Sie können an diese Personen appellieren, mit ihnen beten, sie ins Gebet nehmen. Aber wie oft wurde mit den beiden gebetet, jeder Friedensschluss wurde mit Gottesdiensten und Gebeten bekräftigt - allein es hat nichts genutzt. Es gab keine kleinen Schritte nach vorne, nein nach jedem Zusammenbruch gab es noch mehr und noch schrecklichere Gewalt. Priester ließen ihr Leben, Schwestern wurden vergewaltigt; nichts war den kämpfenden heilig. Jetzt küsst der Papst die Füße der für diese Gewalt Verantwortlichen und unterstreicht sein persönliches Engagement für Frieden im Südsudan.

 

Die Nationalhymne, geschrieben und komponiert in 2011, war Gegenstand einer Meditation während der Klausur. Damit schließe ich auch diesen Rundbrief: „Oh God / We praise and glorify You / For Your grace on South Sudan, Land of great abundance / Uphold us united in peace and harmony. / Oh Motherland / We rise raising flag with the guiding star / And singing songs of freedom with joy; / For justice, liberty and prosperity / Shall forever more reign! / Oh great patriots / Let us stand up in silence and respect, Saluting our martyrs whose blood Cemented our national foundation, / We vow to protect our nation. / Oh God, bless South Sudan!”

 

Ich wünsche mir, dass euch dieser Brief die Lage im Südsudan etwas nahegebracht hat. Wie immer freue ich mich über Rückmeldung und kritische Fragen und Anregungen.

 

Ich wünsche euch allen frohe Ostern und schöne Momente in euren Familien

 

Martin Petry



[1] Martell, Peter, 2018: First raise a flag – How South Sudan won the longest war but lost the peace; S. 243

Hier eine Übersicht (in alphabetischer Reihenfolge):

Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt, Berlin                                               www.aswnet.de/index.html

Arco Iris, Straßenkinder, Bolivien                                                             www.foerderverein-arco-iris.de/de/Home

BUKO Gesundheit 3. Welt, Hamburg                                              www.bukopharma.de

Banafair Urocal, Ecuador                                                                 www.banafair.de

Christliche Initiative Romero, Nicaragua                                                                   www.ci-romero.de

Dorf der Freundschaft, Vietnam                                                            www.dorfderfreundschaft.de

El Pueblo Unito, Schulprojekt für Straßenkinder, Peru                                    www.el-pueblo-unido.de

Flüchtlinge und wir e.V., Herrenberg                                  

Förderverein Nordkenia, Herrenberg                                                 www.foerderverein-nordkenia.de

Gesellschaft für bedrohte Völker, Berlin                                                           www.gfbv.de

Haiti-Paola Iten- Dorfprogramm, Haiti                               www.solinos.ch/Organisationen/hand_in_hand/kontakt.html

Kinderhilfe Vietnam, Berlin                                                                     www.kinderhilfe-vietnam.de

MEDICO International, Frankfurt a.M.                                                        www.medico.de

Ohne Rüstung Leben, Herrenberg                                                          www.ohne-ruestung-leben.de

Pro Asyl, Frankfurt a.M.                                                                    www.proasyl.de

"Pro Haiti", Ausbildungszentrum, Haiti                                                          www.pro-haiti.de/Leogane.html

Regenwaldladen Freiburg RISB Dr.Putz, Kosmetik, Schokolade    www.regenwaldladen.de

VPP(Komo), Nigeria                                                                                  www.vpp-nigeria.org/deutsch/vpp.html

Weltfriedensdienst (WFD), Berlin                                                             www.wfd.de